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Kunstraum Alexander BürkleAusstellung

Adresse

Robert-Bunsen-Straße 5
79108 Freiburg

Di–Fr 11–17 Uhr 
So+Feiertags 11–17 Uhr

Eintritt frei

Hommage an die Eremitenpresse

22. April 2012 – 23. September 2012

Victor Otto Stomps, von seinen Freunden VauO genannt, verlegte in den drei Kleinverlagen die er in seinem Leben gegründet hatte - "Rabenpresse", "Eremiten-Presse" und "Neue Rabenpresse" - nur "was ihm gefiel", er verfolgte dabei weder gesellschaftliche oder politische Ziele, noch ließ er sich durch Fragen bezüglich der finanziellen Rentabilität beeinflussen. Literatur war für ihn Kunst und hatte ihren Sinn in sich selbst. "Nie hat er sich von Erwägungen, die außerhalb seiner künstlerischen Einsicht lagen, leiten lassen."
Im Jahre 1926 im Alter von 29 Jahren gründete Stomps die "Rabenpresse" die er bis 1937 leitete. 1932 begann die Buchproduktion im größeren Stil. In den Jahren 1932 bis 1934 erschien die Literaturzeitschrift "Der weiße Rabe" in 10 Heften, mit Texten von Peter Huchel, Günter Eich, Hermann Kasack, Paul Zech und anderen.

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Um Stomps und seine "Rabenpresse" bildete sich bald ein literarisch-interessierter Kreis und ab 1931 fanden regelmäßig Leseabende statt, unter anderem mit Horst Lange, Oskar Loerke, Hermann Kasack, Paul Zech und Werner Bergengruen. Verlegt wurden auch Werke von Autoren die auf dem Index der Nationalsozialisten standen, wie "Preußische Wappen" von Gertrud Kolmar wodurch die "Rabenpresse" 1934 sich schließlich selbst auf der Liste der unerwünschten Verlage wiederfand. Am 1. Mai 1937 verkaufte Stomps auf Druck der Nationalsozialisten den Verlag, stellte aber über das Verlagsende hinaus noch bis 1943 zahlreiche Privatdrucke in kleiner Auflage her. 

Im Jahr 1949 gründete Stomps in Frankfurt am Main seinen zweiten Verlag, die "Eremiten-Presse". Getreu seiner verlegerischen Philosophie war im ersten Verlagsprogramm von 1949 zu lesen: "Der Verlag Eremiten-Presse stellt sich uneigennützig in den Dienst von Dichtung und Kunst. Er will keiner literarischen Garde dienen oder zeitgebundenen Tendenzen folgen. Sein Bemühen liegt darin, abseits von jeder Hervorstellung 'gängiger' Schriftsteller, einen wesentlichen Beitrag zum literarischen Geschehen unserer Tage zu leisten. Kunst hat niemals im Großen gewirkt. [...] Unsere Erscheinungen wenden sich an einen kleinen Kreis."

1954 zog der Kleinverlag nach Stierstadt im Taunus in ein altes Fachwerkhaus, das von Stomps "Schloß Sanssouris" genannt wurde – eine ironische Anspielung darauf, dass er zwar keine "Mäuse" im übertragenen Sinne hatte, dafür jedoch echte Mäuse, die am Papiervorrat knabberten und gegen die schließlich die Katze Souris angeschafft wurde. Im Laufe der Zeit hatte der Verlag zahlreiche verschiedene "Mitarbeiter", manche blieben nur für einige Tage andere mehrere Jahre. Von Anfang an dabei und prägend waren Ferdinand Müller und Helmut Knaupp, später Harry Pross, Horst Bingel, Uve Schmidt, Otto Jägersberg, Rainer Pretzell und andere. Alle besaßen ein Mitspracherecht, in der Frage welche Texte gedruckt werden sollten. Konkrete Arbeitsteilung gab es keine, alle waren in allen Bereichen beteiligt. Selbst Autoren wurden in den Arbeitsprozess miteinbezogen, indem sie eine Zeit lang in Stierstadt wohnten und dort ihre Bücher selber setzten, druckten und banden.

1966 wurden Dieter Hülsmanns und Friedolin Reske gleichberechtigte Teilhaber. Im Jahr darauf verließ Stomps den Verlag und mit seinem Weggang wurde das Verlagssignet geändert. Das 1949 von Fedinand Müller entworfene Signet mit den drei Köpfen – im Vordergrund Müller und Knaupp, hinten Stomps – wurde durch eine Stockpresse ersetzt. Der Verlag wurde schließlich nur noch von zwei "Köpfen" betrieben und darüber hinaus sollte das neue Signet auf die programmatischen und drucktechnischen Veränderungen hinweisen. 1972 zog die "Eremiten-Presse" nach Düsseldorf um. Nachdem Dieter Hülsmanns im Mai 1981 starb, wurde Anfang 1983 Jens Olsson Mitinhaber. 2010 stellte die "Eremiten-Presse" die Publikationstätigkeit mit Christoph Klimkes Gedichtband "Bernsteinherz" als  602. und letzten Titel ein.

Nach seinem Ausscheiden aus der "Eremiten-Presse" im Jahre 1967, ging Stomps nach West-Berlin und gründete im Alter von 70 Jahren seinen dritten Verlag, die "Neue Rabenpresse", in der er von 1967 bis zu seinem Tod 1970 achtzehn Bücher und drei Reihen herausgab. Beim Druck halfen ihm vor allem Günter Bruno Fuchs und dessen  "Werkstatt Rixdorfer Drucke" und Friedemann Siebrasse. In der "Neuen Rabenpresse" erschienen die ersten Bücher von Hildegard Kremin und Christopher Middleton. Weitere verlegte Autoren waren Fred Viebahn, Johannes Schenk und Christoph Meckel, sowie Günter Bruno Fuchs, Johannes Vennekamp, Arno Waldschmidt, Albert Schindehütte und Uwe Bremer.

Stomps galt als Talententdecker und Verleger "der Jungen". Viele Autoren hatten in der "Eremiten-Presse" ihre ersten Veröffentlichungen und einige erlangten später große literarische Bedeutung, darunter Christoph Meckel, Christa Reinig, Ernst Meister, Detlev Meyer, Wolfgang Bächler, Gabriele Wohmann, Hans Neuenfels, Thomas Kling, Cyrus Atabay, Ingrid Bachér und Ernst Jandl. Verlegt wurden hauptsächlich Lyrik und Essays, Romanauszüge, Kurzprosa und Grafik.

Die in der "Eremiten-Presse" verlegten Bücher zeichnen sich durch Experimentierfreude und Einfallsreichtum bezüglich Typographie und verwendeter Papiersorten aus, sowie durch außergewöhnliche Formate und die neue Drucktechnik "Texturdruck". Die meisten Bücher wurden mit Illustrationen oder zumindest Titelgrafiken von Künstlern wie Johannes Vennekamp, Arno Waldschmidt oder Bernhard Jäger gestaltet. In späterer Zeit dann von Ulrich Erben, Günther Uecker, Otmar Alt, Winfred Gaul, Josua Reichert sowie Bernard und Ursula Schultze.

Texturdruck:

Im Jahr 1949 entwickelte Stomps ein neues Mehrfarbendruckverfahren für Illustrationen, welches er "Texturdruck" nannte. Er gab die Technik an Künstler weiter, die bei ihm arbeiteten und sie nach ihren Bedürfnissen und Vorstellungen abänderten. Es handelt sich um ein Hochdruckverfahren bei dem sich die Künstler die Druckstöcke selbst herstellten. Aus den unterschiedlichsten Materialien (Karton, Schnur, Bindfaden, Stoff, Büroartikel wie Heftklammern, oder gar Kartoffelschalen und Nudeln) wurde eine Form gefertigt, die – auf den Aufzug des Druckzylinders geklebt – die Stellen des zu bedruckenden Papiers einfärbte, die durch die Form erhöht waren. Da für jeden Druck die Form neu eingefärbt werden musste, ergaben sich bei jeder Reproduktion neue Farbmischungen, die jede Grafik zu einem Unikat machten. Künstler wie Siegfried Reich an der Stolpe und Willi Baumeister entwickelten den "Texturdruck" weiter zum "In die Maschine Malen". Im Jahr 1963 erschien "In die Maschine gemalt, Farbiges Alphabet MCMLXIII", mit 69 farbigen "Texturdruck"-Grafiken.